Bilanzsuizid und Tabus

Als es neulich so richtig schön warm war und ich ein wenig lethargisch auf der Couch lag, dachte sich mein Hirn mal wieder was lustiges aus. Irgendwie begann ich mich zu wundern, dass es für einen Suizid noch mehr Begriffe gibt, die eigentlich beide irgendwie wertend sind. Selbstmord an sich ist abwertend, geschieht ein Mord an sich doch immer aus niederen Motiven. Freitod dagegen hat schon wieder fast einen romantischen, melancholischen Klang. Na ja, wie dem auch sei irgendwie stieß ich dann auf die Seite freitod.net und dort wiederum auf den Begriff: Bilanzsuizid. Dabei geht es darum, dass ein Mensch nach reiflicher Überlegung zu der Entscheidung kommt, dass das Leben für ihn nichts mehr zu bieten hat bzw. er mehr davon hat freiwillig in den Tod zu gehen.
Gleichzeitig, wurde mir bewusst, wie stark das Thema Suizid in unserer Gesellschaft tabuisiert wird.
Als regelmäßiger Bahnpendler passiert es einem ja doch hin und wieder, dass ein Zug ausfällt, weil sich jemand entschlossen hatte vor den Zug zu springen. Das ist an den Bahnsteigen dann meistens ein offenes Geheimnis bzw. wird zumindest vermutet. Offiziell gibt es dazu keine Aussage bzw. höchstens mal „Notarzteinsatz am Gleis.“, „Personenschaden“ habe ich schon lange nicht mehr gehört. Angeblich diene das dazu Nachahmer abzuhalten, aus dem selben Grund wird in der Presse nicht über Selbstmorde berichtet. Ich frage mich dann immer, ob es wirklich um Nachahmer geht?
Ich meine, wer liest schon: „Suizid von XY durch YX“ und denkt dann „Hey, geile Idee, das versuch ich auch mal.“. Auf der anderen Seite, bringt mich die Angst vor Nachahmern dazu mal wieder den Umgang unserer Gesellschaft mit Menschen und auch mit Themen in Frage zu stellen.

Wenn es tatsächlich gegeben ist, dass Menschen sich durch Berichte über Suizide dazu hinreißen lassen, selbst den Freitod zu suchen, dann stimmt doch irgendwas nicht. Entweder wir sind eine lebensmüde Gesellschaft oder bringen viele Menschen dazu ihr eigenes Leben als ausgelebt bzw. wertlos zu erachten. Das kann viele Gründe haben, mir fällt spontan ein, dass wir einen starken Konformitätszwang haben. Ein richtiges gegen die Gesellschaft auflehnen ist kaum noch möglich. Jede neue Strömung wird bald vermarktet bzw. akzeptiert (solange sie nicht Menschenleben fordert bzw. allzu viel Sachschäden anrichtet). Ein anderes Problem ist, dass wir kaum über Scheitern reden. Es soll immer höher, schneller, weiter gehen – Wachstum und Karriere über alles. Das mag bei dem ein oder anderen Menschen schon dafür sorgen, dass er sich minderwertig fühlt oder nach dem Scheitern denkt die Welt sei ohne ihn besser dran. Aber eigentlich denke ich, dass wir das Thema Freitod/Selbstmord zu unrecht tabuisieren.

Wie wäre es, wenn wir über suizidale Gedanken genauso offen reden wie über Sex? Wenn man einfach zugeben könnte auch schon mal solche Anwandlungen gehabt zu haben und dann nicht schräg bzw. besorgt angeschaut wird? Wie wäre es, wenn wir nicht versuchen würden einen Menschen der des Lebens müde ist und eine bewusste Entscheidung getroffen hat, von seinem Vorhaben den Freitod zu suchen abzubringen? Viel mehr sollten wir versuchen diese Person zu verstehen und wenn wir den Eindruck haben, dass die Entscheidung nicht auf einer vorübergehenden Laune beruht, dann sollten wir die Entscheidung respektieren. Aber vielleicht bin ich da nur zu arg von meinem Menschenbild eines aufgeklärten, mündigen Menschen geprägt um so etwas zu fordern bzw. darüber nachzudenken. Trotzdem, denkt mal darüber nach, ob wir in dem Bereich nicht auch offener miteinander umgehen sollten. Nicht jeder, der sich ausrechnet wie lange der freie Fall vom 10. Stockwerk wohl dauern würde oder wer denn wohl zu eigenen Beerdigung kommen würde ist suizidal.
Mich würde aber mal interessieren, ob es Menschen (ab einem gewissen Alter) gibt, die sich noch nie solche „Was wäre wenn ich jetzt einfach aufhöre.“ Gedanken gemacht haben. Ich glaube ehrlich gesagt, solche Momente hat jeder mal aus den unterschiedlichsten Gründen. Richtig offen darüber reden tut aber auch keiner. Schade eigentlich.

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