Das „Arschlochgen“

Du wirfst mir also vor, dass mir ein gewisses Arschlochgen fehlen würde. Du meinst, dass ich viel zu wenig an mich selbst denke und viel zu viel an andere Menschen. Hast Du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, warum ich das tue und was du gerade verlangst?

Jedes mal, wenn ich einen Bettler auf der Straße sehe, will ich helfen, mir wird aber zeitgleich bewusst, dass ich es nicht kann. Zumindest nicht immer und schon gar nicht nachhaltig. Also schotte ich mich ab, eile schnellen Schrittes vorüber, den Blick gesenkt und der Panzer um mein Herz ist wieder ein Stück härter geworden.
Jedes mal, wenn ich Bilder von Flüchtlingen sehe, möchte ich helfen. Ich kann es aber nicht, schon gar nicht nachhaltig. Also blende ich es aus. Und wieder ist der Panzer um mein Herz ein Stück weit härter geworden.
Jedes mal, wenn ich Ungerechtigkeit miterlebe, will ich einschreiten. Manchmal tue ich es. Manchmal geht es nicht und manchmal prallt es an dem Panzer, der sich um mein Herz aufgebaut hat ab.
Jedes mal, ja, jedes mal, wird mir klarer, dass man sich ein Stück weit abschotten muss, ein Stück weit härter werden muss. Denn sonst krepiert man, weil einem täglich das Herz bricht.
Und jedes mal habe ich Angst, dass ich den Panzer um mein Herz ein Stück weit zu hoch, zu fest gezogen habe. Dass mir Menschen egal werden, dass mir Mitleid abhanden kommt.

Jedes mal, wenn ich in meiner näheren Umgebung durch einfache Dinge helfen kann und dieses Hilfe nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, bin ich bereit.
Jedes mal erwarte ich keine Belohnung. Jedes mal reicht ein ehrliches „Danke.“ Und jedes mal wünsche ich mir, dass die Person einen Teil einfach weitergibt und auch hilft, wenn es nötig werden sollte.

Jedes mal, wenn ich einen neuen Menschen kennelerne, gebe ich ihm mindestens eine Chance mich positiv zu überraschen.
Jedes mal, wenn ich einen neunen Menschen kennenlerne, gebe ich mir Mühe unvoreingenommen zu sein und nicht auf negative Erfahrungen zu hören.
Jedes mal, na ja, fast jedes mal, gebe ich auch gerene eine zweite und eine dritte Chance.

Und ja, häufig werde ich enttäuscht. Aber genauso häufig werde ich belohnt.
Und ja, manchmal mutet es mir schon selbst wie ein Zwang an.
Und ja, manchmal ist das unglaublich anstregend.
Und ja, fast immer reflektiere ich mein eigenes Verhalten.
Und ja, das ist unglaublich anstrengend.
Und auch ja, das macht einen Teil meiner Selbst aus.

Und da kommst Du und meinst, mir fehlt ein Arschlochgen? Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass ich nicht so sein will, wie viele andere? Dass ich mich nicht einer Gesellschaft, einem System, beugen will, das Menschen viel lieber gegeneinander ausspielt als an echter Zusammenarbeit interessiert zu sein? Ist Dir schon mal in den Sinn gekommen, dass die Welt vielleicht ein wenig besser wäre, wenn sich das Arschlochgen nicht so arg verbreiten würde?
Ja, und dann kommt der Moment, in dem ich an den Punkt komme an dem es mir zu viel wird und ich auch mal empfindlich reagiere. Und ja, dann kann ich ich ganz schön pissig werden. Und jetzt, wo ich ein Stück weit mein eigenes Arschlochgen gefunden habe, gratulierst Du mir nicht, sondern bis irritiert und fühlst dich angegriffen. Merkste selber, nich?

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Eine Antwort auf Das „Arschlochgen“

  1. Doris sagt:

    Du bist gut so wie du bist!

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