Hilfe (2) – ein Rant, mal wieder

Liebe Mitmenschen, liebe Bahnfahrer und sonstige Passanten,

wenn ihr jemanden im Zug habt, dem es offensichtlich nicht gut geht, jemand der schon vom Sitz fällt, immer wieder einschläft und auch sonst einen eher desorientieren Eindruck macht, was macht man da? Richtig. Man schaut angewidert, mitleidig und denkt sich “Ein Alki.” oder wahlweise “Ein Drogenopfer.” Man schaut weg. Bloß nichts damit zu tun haben. Ja, ich hatte anfangs auch eher mitleidig geschaut und gehofft, dass diese Person nicht auf weitere Hilfe angewiesen ist. Nachdem sie einem anderen Passagier und mir aber vor die Füße fiel, war uns beiden klar, dass wir die zeitnahe Terminplanung vergessen können. Vielen Dank an all die mitleidigen Blicke, vielen Dank an all die Erleichterung, die ich in euren Gesichtern sehen konnte, dass IHR nicht die Personen seid, die jetzt Verantwortung übernehmen müssen. Dass ihr fein raus seid. Vielen Dank auch an alle die sich, trotz der deutlich sichtbaren Situation, meinten an uns vorbei drängen zu müssen, als der Zug dann mal angekommen war. Nicht EINER von euch fragte auch nur EINMAL kurz nach, ob man helfen könne. Keiner widmete der Sache überhaupt auch nur noch einen Blick.

Das ging dann außerhalb des Bahnhofs so weiter. Eigentlich war die Idee, die inzwischen wieder halbwegs ansprechbare Person in den Bus zu setzen und zu ihrem Ziel fahren zu lassen (das Ziel, dass sie uns in einem klaren Moment mitteilte). So wie das mit Ideen aber nun ist, erwies sie sich als falsch. Kaum an der Bushaltestelle und halbwegs stabil sitzend, schlief sie uns wieder ein. Und wieder schauten die Menschen um uns herum erleichtert, mitleidig. Aber keiner, fast keiner schaute ein zweites mal. Ich war dann auch sehr überrascht, als der Rettungswagen endlich eintraf und jeder sehr irritiert war, als ich ihn zu uns winkte. Scheinbar ist es normal, dass jemand an einer Bushaltestelle steht, eine andere Person so stützt, dass sie im Sitzen schlafen kann ohne von der Bank zu rutschen.

Ja, ich bin gerade ganz schön pissig. Ich kann noch nicht mal sagen, wie ich in der Situation als Passant reagiert hätte. Wahrscheinlich wäre ich auch froh gewesen, dass sich jemand anderes zu kümmern scheint. Wahrscheinlich wäre ich auch nicht hin gegangen und hätte gefragt ob alles in Ordnung ist, oder ob man was helfen könne. Ja, wahrscheinlich übertreibe ich. Ja, ich muss das jetzt raus lassen. Und ja, ich glaube ich reg mich auch ein gutes Stück über mich selbst auf, weil ich genauso ein beliebiges Gesicht in der Masse wäre und nicht nachfragen würde.
Lektionen die ich gelernt habe: Nächstes mal, wenn ich so etwas sehe, trotzdem nachfragen und wenn man nichts helfen kann, einfach mal danke sagen. Und nächstes mal schneller den Rettungsdienst rufen. Die sind nett und hilfsbereit – und sagen danke.

Vielen Dank, an den mir unbekannten Mitfahrer, der solange mit mir wartete, bis ich zu ihm sagte, er könne gerne den nächsten Bus nehmen. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege und fast jeder im Zug und danach geholfen hätte, wenn kein anderer da gewesen wäre.

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