Selbstdarstellung

Wie mich diese Selbstdarstellung, die von unserer Gesellschaft gefordert und gefördert wird ankotzt. Läuft sie doch meinem Naturell total entgegen. Eigentlich bin ich doch schüchtern. Ja, einige von euch werden nun lachen. Also die, die mich besser kennen. Die, die mich wirklich gut kennen, werden sagen: „Schüchtern ist falsch, zurückhaltend trifft es eher.“ Und damit haben sie gar nicht mal so unrecht, aber selbst damit wir bald schluss sein müssen.

Es fängt doch morgens schon an. Du fragst dich: „Was ziehe ich denn heute mal wieder an.“ War die Zeit nicht toll, als Du Dir einfach nur ein schwarzes T-Shirt und vielleicht noch einen schwarzen Kapuzen-Pullover kralltest und dachtest „Och, nehmt mich doch einfach wie ich bin.“? Aber jetzt? Jetzt fragst Du Dich, welches deiner Motiv-Shirts, denn zum heutigen Tag passen könnte. Nein, nicht, dass das schlimm wäre, im Gegenteil, es macht Dir Spaß und bereitet Dir Freude. Es ist ja nicht so, also ob Du einfach nur ein unscharfer Fleck in Deiner Umgebung bleiben willst. Du willst ja ein Statement nach außen tragen. Und überhaupt, Du verstellst Dich ja nicht. Das ist ja auch ein Teil von Dir. Genau: Auch. Aber was ist mit all den anderen Teilen, die Du nicht so sichtbar nach außen trägst. Nicht tragen willst. Nicht tragen kannst.  Was ist mit all den Dingen, die Du nicht in Deinen „ersten Eindruck“ einfließen lassen willst.  Und das ist der Moment in dem du feststellst: „Ich reduziere mich auf eine kontrollierte Selbstdarstellung.“

Im Laufe des Tages geht es dann weiter. Du schlüpfst in eine Rolle, trägst eine Maske, lässt nichts wirklich nahe an dich heran. Du stellst Dich dar. Aber Du bist nicht Du selbst. Du bist das Bildnis, dass Du nach außen tragen willst. Tragen kannst. Und ja, Du bist offen, Du erzählst persönliche Dinge, Du bist jederzeit hilfsbereit. Aber wie es in Deinem Inneren aussieht, zeigst Du nicht. Kannst Du nicht zeigen. Du kannst nicht zeigen wie sehr es Dich manchmal nervt Small-Talk zu führen. Du kannst nicht zeigen, wie sehr es Dich manchmal nervt dich mit immer den selben Meinungen herumschlagen zu müssen. Du kannst nicht zeigen, wie gerne du einfach nur aus Prinzip die Gegenposition in einer Argumentation einnimmst. Du kannst nicht zeigen, wie Du wirklich bist. Du reduzierst dich wieder auf die Selbstdarstellung deiner Rolle.

Selbst im Privaten spielst Du teilweise deine Rolle. Nur manchmal, sehr selten und dann wirklich schon fast intim, offenbarst Du Dich vielleicht mal einer Person, einem Freund, einer Freundin, einem Menschen, von dem Du denkst, dass er Dich versteht. Du gestehst, wie verzweifelt Du manchmal bist. Du gestehst, wie dich diese Notwendigkeit der Selbstdarstellung, der Selbstkontrolle ankotzt.  Du gestehst, wie gerne Du nur einfach Du selbst wärst. Wer denn Du selbst seist? Du weißt es nicht, musst erst einmal darüber nachdenken. Du hast dich schon fast in deinen Rollen und deinen Masken, in deiner Selbstdarstellung verloren.
Wer bist Du? Bist Du die Person, die Angst hat sich auf andere Menschen einzulassen, nur weil sie enttäuscht werden kann, werden wird? Bist Du die Person, die für manche Menschen einfach bedingungslos da sein will? Bist Du die Person, die die Welt in Ihrer Umgebung einfach ein wenig besser machen will? Bist Du die Person, die verzweifelt, weil ihr manchmal einfach keiner zuhört? Bist Du die Person, die sich immer zuerst fragt, was Sie falsch gemacht hat? (Und nicht das Gegenüber). Bist Du die Person, die einfach nur ständig an sich arbeitet? Bist Du die Person, die so hohe Maßstäbe an sich anlegt, dass Sie diese niemals erreichen kann? Bist Du die Person, die einfach die Schnauze voll hat von der Selbstdarstellung die in unserer Gesellschaft gefördert und gefordert wird. Bist Du die Person, die einfach nur um ihres selbst Willen gemocht werden will?

Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass das wieder ein Akt der Selbstdarstellung war. Und genau das macht die ganze Sache so unglaublich schwierig. Alles was wir tun stellt uns selbst dar. Die große Frage ist: Stellen wir uns dar, oder sind wir doch einfach nur wir selbst?

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