Universen

Neulich in der Stadt. Wie immer Kopfhörer tragend, als Schutz vor der Fremdeinwirkung durch fremde Menschen. Wie immer mit einem tragbarem Gerät ausgestattet, dass mir die Verbindung in mein eigenes, kleines Universum gestattet. Wie immer war ich nicht wirklich dort. Wie immer verweilten meine Gedanken im meiner eigenen Welt. Ja, ich teile mir diese Welt mit vielen anderen Menschen und doch ist sie anders, speziell. Und wie immer, kollidierte dieses Universum mit dem Universum anderer Menschen und so wurde ich unvermittelt in die Realität zurück geholt.

Kennt ihr das? Irgendwie tragen wir neuerdings alle unsere kleinen Universen mit uns herum. Ganz viele Menschen haben Kopfhörer auf, starren auf ihre Telefone, sind nie zu 100% an einem Ort, in einer Zeit. Und doch interagieren wir miteinander. Manchmal bedarf es nur kleiner Dinge, die zu einer Kollision führen. Ein bekanntes Gesicht, ein Lächeln, eine Stimme. Und manchmal wird man auch aus seiner Welt gerissen und mit Dingen konfrontiert, die man eigentlich verdrängt hatte. In meinem Fall, war das letztlich ein UNICEF-Infostand, halt nein ein UNICEF-Bettelstand. (Der Unterscheid besteht darin, dass ein Infostand primär informiert und ein Bettelstand primär Spenden/Mitglieder einsammeln will). Gerade eben noch, lief ich, leicht gestresst, durch den brückentäglichen Vormittagstrubel in Nürnberg, war eigentlich recht glücklich, dass nur noch zwei Dinge auf meiner Liste standen und wurde auf dem Weg von einer UNICEF-Spendenanwerberin angesprochen. Na gut, Kopfhörer waren drauf, das routinierte „Danke, nein“ kam auch schnell von den Lippen und 10 Schritte weiter brach dann doch alles über mich herein, was ich bis dahin erfolgreich aus meinem kleinen Universum verdrängt hatte. Lampedusa, Drittstaatenregelung, Frontex, Syrien, Flüchtlinge, Krieg, Hunger.

Es ist nicht so, dass mir all dies nicht bewusst wäre, dass ich mich nicht damit beschäftigen würde, dass es mich emotional unbewegt lassen würde. Und doch, doch kann ich tagelang leben ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Wahrscheinlich ist das ein Schutzmechanismus, sonst würde ich mich den ganzen Tag grämen. Aber darum geht es eigentlich nur am Rande.
Mir wurde in diesem Moment bewusst, wie stark wir unsere Umgebung filtern, ausblenden. Und mein Eindruck ist, dass das mit der Verfügbarkeit von Smartphone und mobilem Internet in den normalen Alltag deutlich mehr Einzug erhielt. Nein, ich will darüber nicht urteilen, dazu finde ich es viel zu spannend und zu praktisch Kontakt zu Menschen zu halten die nicht gerade in Rufweite, wach oder in Echtzeit erreichbar sind. Und trotzdem, trotzdem ertappe ich mich momentan immer Häufiger dabei bewusste Pausen zu machen, bewusst die Welt auf mich einstürzen zu lassen – auch das tut gut.

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